Exkurs in der Reihenfolge „Altenhainer Dorfgeschichten“ von Wolfgang Wawrzyniak, Donnerstag 6.11.2008


Was hat denn Altenhain mit dem Kloster Limburg an der Haardt oberhalb von Bad Dürkheim in der Pfalz zu tun?


Haardt

[mittelhochdeutsch hart »Wald«] die (Hardt), der östliche Gebirgsrand des Pfälzerwaldes, Rheinland-Pfalz, fällt steil zum Oberrheingraben ab und wird längs der Deutschen Weinstraße begleitet von vorwiegend tertiärem Hügelland mit dichter Besiedlung, Weinbau, Kastanienhainen, Obstgärten und Mandelbaumalleen. Ursprünglich wurde der gesamte Pfälzerwald Haardt genannt.

Exkurs in der Reihenfolge „Altenhainer Dorfgeschichten“ von Wolfgang Wawrzyniak, Donnerstag 6.11.2008

Da muss man weit ausholen und erst mal das mittelalterliche Lehenswesen erklären.



Auf dem Lehnverhältnis gründete die Rechts- und Gesellschaftsordnung des Mittelalters.

Lehen oder Lehn war ein geliehenes Gut.


Das Leihen war nicht umsonst.


Wer es empfing, der war zu ritterlichem Kriegsdienst und ritterlicher Treue verpflichtet.

Es entstand ein sog. Treudienstverhältnis.


Die Treuepflicht galt für beide, für den Lehnsherrn und den Lehnsmann.


Das war so ein wechselseitiges Geben und Nehmen.


Das Mittelalter kannte keinen Staat im modernen, abstrakten Sinne.

Der mittelalterliche »Staat« war ein »Personenverband«.

Das war, bei allen Unterschieden, ein mehr oder weniger persönliches Verhältnis zwischen dem Herrscher und dem Volk.


Das Volk war in unterschiedlicher Weise und in vielfachen Abstufungen vom Herrscher abhängig.

Die einen waren bettelarm und total abhängig.

Sie waren Eigentum des Herrschers, deshalb nannte man sie Leibeigene.

Besser ging es denen, die Grund und Boden besaßen.


So kam es zum Aufbau einer sozialen und politischen Rangordnung, zu einer Lehnspyramide, an deren Spitze der König stand. Die hohen staatlichen Ämter, zum Beispiel Königsboten, Grafen, Markgrafen, und die kirchlichen Ämter wurden ausschließlich mit Adligen besetzt.


Der mächtigste Grundherr war der König.


Der König als größter Grundherr verpflichtete sich Gefolgsleute aus dem hohen Adel des Landes, indem er ihnen Landbesitz aus Königsgut zur Leihe übertrug, später auch Ämter und Rechte.


So entstand das Lehnswesen aus der Verschmelzung von Landleihe und persönlicher Treue und Gefolgschaft, der Vasallität.

Der Lehnsvertrag wurde auf Gegenseitigkeit abgeschlossen.

Traditionell war das ein symbolischer Akt:

der Lehnsmann, der Belehnte, legte seine gefalteten Hände in die des Lehnsherrn. Der Lehnsmann verpflichtete sich zu Dienst und Treue, der Lehnsherr übergab das Lehen und versprach Schutz und Treue. Der Lehnsvertrag endete erst mit dem Tod eines der Partner, doch auch Untreue des einen entband den anderen seiner Treuepflicht.


Auch die stark aristokratisch geprägte Kirche besaß viele Ländereien.

(Aristokratie, griechisch »Herrschaft der Vornehmsten«)


König, Adel und Kirche waren Großgrundbesitzer und grundherrschaftlich organisiert, d.h. das Reich wurde von Pfalzen, Burgen und Abteien organisiert und verwaltet.

Zu diesem System gehörten auch die Fronhöfe oder Frohnhofverbände, sog. Villikationen.


Die Altenhainer lebten im Fronhofverband Sulzbach. Es sind allerdings auch selbständig wirtschaftende freie königshörige Bauern in Altenhain nachgewiesen.



Otto Raven vermutet, dass schon vor 1035 vom Sulzbacher Hof aus weitere Siedlungen, Unterhöfe, angelegt wurden und in der Reihenfolge fränkischer Siedlungswellen nennt er Soden, Schneidhain, Dietzelshain, Altenhain, Neuenhain.

In diesem Jahr 1035 nämlich hat Konrad II. und seine Frau, die Kaiserin Gisela, das Kloster Limburg an der Haardt neben anderen Gütern auch mit dem Fronhof in Sulzbach ausgestattet.


Das Kloster wird mit der Schenkung zum größten Grundbesitzer und Grundherrn im Gebiet der heutigen Ortschaften Altenhain, Neuenhain, Schneidhain, Sulzbach, Soden und das schon im 15. Jh. ausgegangene Dorf Dietzelshain oder Diedelshain bei Schoßborn.

Dazu gehören noch die Höfe Beidenau als Wirtschaftshof vom Kloster Retters und, etwas abseits, das Gut Eichen in der Wetterau. Heute gehört Eichen zur Großgemeinde Nidderau.

Das Gut Eichen hat Konrad II. übrigens am 17.1.1035 seiner Frau Gisela geschenkt und am gleichen Tag geht Eichen als Teil der Vogtei Sulzbach an Limburg über.

Ach Schatz, sehr großzügig von Dir, aber was soll ich mit Eichen, machen wir doch dem Kloster Limburg eine Freude. Konrad war bereits der 3. Ehemann von Gisela, da war ohnehin schon einiges durch Erbschaft zusammen gekommen.

Konrad und seine Gisela sind im Dom zu Speyer in der Familiengruft niedergelegt.


Wer ist dieser Konrad II. ?

Er stammte aus fränkischem Geschlecht, genauer noch war er ein Salier, die ein Jahrhundert lang die dt. Könige stellten.

Konrad wurde um 990 geboren und starb überraschend schnell zu Pfingsten am 4.6.1039 in Utrecht am Niederrhein.



1024 wurde er dt. König,


1026 auch König von Italien.


1027 wurde Konrad in Rom zum Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation gekrönt.

(Deutsche Könige haben sich immer als Rechtsnachfolger römischer Cäsaren gefühlt; Kaesar > Kaiser = das C wurde bis ins 4. Jahrhundert als K gesprochen; auch unser letzter Kaiser Wilhelm II. hatte einen ganz starken Tick in diese Richtung, deshalb auch sein Einsatz für den Wiederaufbau der Saalburg.


Aus dem König wurde ein Kaiser, wenn der Papst in Rom das durchlauchte Königshaupt gesalbt und gekrönt hatte.


Nicht zuletzt war dieser Unterschied Symbol der ewigen Auseinandersetzung zwischen Papst und Krone.

1027 wurde Konrad in Rom zum Kaiser des heiligen römischen Reiches  deutscher Nation gekrönt

Konrad war verheiratet mit Kaiserin Gisela.

Konrad war verheiratet mit Kaiserin Gisela.

Die schöne Gisela





Man weis, dass sie starken Einfluss auf die Regierungsgeschäfte hatte, hinter jedem berühmten Mann, steht eine starke Frau.


Also diese beiden, Konrad und Gisela, haben dem Abt von Limburg die Vogtei Sulzbach geschenkt.


Den Namen des Abtes kann man sich gut merken: es war Poppo von Stablo, ein berühmter Benediktinermönch, der 1020 von Heinrich dem IIals Abt von

Stablo - Malmedy in den belgischen Ardennen eingesetzt wurde.


Poppo ist mit seiner Klosterreform berühmt geworden und als Heiliger ist sein Tag der 25. Januar.


Der Poppo war froh, dass es in Sulzbach einen Vogt gab, der sich vor Ort um die Dinge kümmerte und nach dem rechten sah und man auch dem vor Ort auf die Finger schaute, denn Teilstücke und Teilrechte der Vogtei waren zu Lehen vergeben an die Herren von Bolanden - Falkenstein und an die Herren von Eppstein.


Diese beiden Herrschaften hatten Lehnstücke weiter verliehen an Starkrad von Sulzbach und Götze vom Hain, man sprach dann von Afterlehen, auch gut zu merken, After steht für hinter und nach.


Zwischen den Lehensbeteiligten flossen in höchst komplizierter Weise Güter hin und her: Sachgüter, Rechtsgüter und Dienstleistungen.


Sachgüter: Wein, Getreide, Hühner, Schafe


Rechtsgüter: Ordnungsgewalt, Gerichtsbarkeit


Dienstleistungen: Burgmannendienste, Heeresdienste, Frondienste, also unbezahlte Arbeit für die Herrschaft oder das Gemeinwesen.


Wenn wir in diesem Zusammenhang noch einmal auf unser Bild über die Lehensverhältnisse in der Vogtei schauen:


Im 12. Jahrhundert waren gleich 4 Grundherren über Lehen und Afterlehen an der Vogtei beteiligt.


Da ist auch der Ritter Götze vom Hain dabei, ein Angehöriger des Niederadels.

1326 sind die Altenhainer Ritter nach Neuenhain übersiedelt und 1385 mit Jakob vom Hain ausgestorben.

Eine unverheiratete Tochter des Altenhainer Adels ist als Nonne im Kloster Retters nachgewiesen. Wir finden einen entsprechenden Hinweis im Nekrolog von Rommersdorf und Ilbenstadt. Nekrolog ist ein Gedächtnisbuch für die Toten.

Ilbenstadt dürfte bekannt sein, gehört heute zu Niddatal, einer

Stadt im Wetteraukreis mit 8ÿ800 Einwohner; im Ortsteil Ilbenstadt befindet sich eine bedeutende romanische Basilika mit Prämonstratenserkloster aus dem 12.ÿJahrhundert. Im Kloster Retters lebten ebenfalls Prämonstratenserinnen, im Kloster Rommersdorf bei Neuwied ebenso. Alles Prämonstratenser oder was!?


Die Altenhainer Ritter sind also 1385 ausgestorben.

Erben der Altenhainer Ritter waren die Ritter von Kriftel, die „Mertze von Kriftel“. Gemeint ist nicht Kriftel im Main - Taunus - Kreis, sondern Kriftel oder Kröftel, eine ausgegangene Ortschaft bei Münzenberg in der Wetterau.


An die Mertze erinnert der Flurname „Merzwies“.

Gegenüber ist der „Soppenberg“ auf der einen und die „Langenäcker“ auf der anderen Seite und darunter die „oberen Kastanienstücker“.


Damit soll der Ausflug in die mittelalterliche Gesellschaftsordnung am Beispiel von Altenhain und Kloster Limburg beendet sein. Es wird wieder einmal deutlich, wie komplex und kompliziert die Zusammenhänge selbst auf kleinstem Niveau sind. Es ist aber auch nicht ratsam, auf Details zu verzichten, weil sonst das Gesamtbild Schaden leidet.



Wolfgang Wawrzyniak




©  Altenhainer GeschichtsVerein e.V.
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